Haustech 5/2019

Hoch hinaus mit der 
Digitalisierung

Wolfgang Bresser. (Foto: Nicolas Zonvi)
Paolo D'Avino /

Kone ist finnisch und heisst auf Deutsch Maschine. Heute ist der Konzern einer der weltweit führenden Anbieter von Personenaufzügen, Rolltreppen und Zutrittslösungen. Seit rund 20 Jahren ist das Unternehmen auch in der Schweiz im Markt. Und ein wenig länger ist Wolfgang Bresser für den finnischen Konzern tätig. Als Managing Director Schweiz sieht er die smarte und digitale Zukunft als Chance.

Herr Bresser, Sie sind 24 Jahre für den Konzern Kone tätig. Wie hat sich das Geschäft rund um die Personenbeförderung im Vergleich zu Ihren Anfangszeiten verändert?

In der Tat. 24 Jahre sind ein grosser Zeitraum, und in dieser Zeit gab es einige Veränderungen. In fast allen Bereichen, ob das nun in der Technik, in der Planung, Sicherheit, Umwelt, dem Design oder der Digitalisierung ist. Ebenso haben sich die Kundenerwartungen und Partnerschaften im Laufe dieser Zeit gewandelt.

Was hat sich seither technisch verändert?

Der hydraulische Aufzug ist heute fast ganz verschwunden und hat dem elektrischen ohne Maschinenraum Platz gemacht. Dazu muss ich ergänzen, dass Kone den maschinenraumlosen Aufzug erfunden und vor rund 20 Jahren im Markt eingeführt hat. Heute gehört dieser Typ zum Standard und braucht nur noch zehn  Prozent soviel Energie wie ein hydraulischer Aufzug vor 20 Jahren. Zum anderen werden die Gebäude immer höher und immer intelligenter. Durch die Kone UltraRope Technologie können jetzt Gebäude mit einer Höhe bis zu 1000 Metern fördertechnisch erschlossen werden. Zuvor war das Limit bei 500 Metern.

Und wie weit fortgeschritten ist das Unternehmen in der Digitalisierung?

Aus meiner Sicht schon sehr weit, doch noch nicht weit genug. Die Planung und Abwicklung findet heute schon digital unterstützt statt. Im Bauwesen fängt BIM langsam an zu greifen. Die Rolltreppen und Aufzüge werden immer mehr miteinander vernetzt, künstliche Intelligenz wird genutzt, um Verfügbarkeiten zu optimieren und letztendlich den Personenfluss in einer Welt, die sich zunehmend verdichtet, problemlos zu ermöglichen. Unser Servicetechniker erhält heute schon Informationen über den Aufzug aus der Datencloud. Doch ich sehe noch viel Potenzial, um die Daten noch intelligenter und neue Anwendungen zur Arbeitserleichterung zu nutzen. Wir liefern die hoch anspruchsvolle Technik dazu, die zunehmend systemübergreifende Mobilität, Sicherheit, Information und Transparenz bis zur Vernetzung von Systemen gewährleistet. Wir dürfen stolz sein auf das, was wir gerade ausrollen.

Sie sprechen wohl von den zwei integralen digitalen Lösungen. Die eine ist 24/7 Connect. Was ist der Kern dieser Dienstleistung?

Bei 24/7 Connect geht es um Sicherheit und Verfügbarkeit von Aufzügen, Rolltreppen und der Transparenz bei deren Wartung. Mit der Dienstleistung 24/7 Connect haben wir alle Anlagen noch besser im Blick. Die in den Aufzügen und Rolltreppen eingebauten Sensoren erfassen alle möglichen Daten: von der Temperatur, den Türbewegungen bis hin zur Haltegenauigkeit. Diese Daten werden in die Cloud von IBM Watson übermittelt und dort mit künstlicher Intelligenz ausgewertet. Bei sicherheitsrelevanten Abweichungen wird sofort gehandelt, denn die Auswertung der Daten ermöglicht Einstellarbeiten und Reparaturen auszuführen, bevor der Aufzug in Störung geht oder ausfällt.

Und mit der anderen, dem Kone Residential Flow, möchten Sie Gebäude lebenswerter machen, indem sie Menschen helfen, sich mühelos in und zwischen Gebäuden zu bewegen?

Genau. Es sind die alltäglichen kleinen Herausforderungen, die manchmal Zeit und Nerven kosten. Mit dem Residential Flow haben wir Antworten darauf. Ich erkläre ihnen das anhand von zwei Beispielen: Sie kommen voll bepackt nach einem Einkauf nach Hause, womöglich mit den Kleinkindern im Schlepptau, und haben den Hausschlüssel nicht gleich zur Hand hat. Residential Flow erkennt den Bewohner, öffnet die Türe automatisch, gleichzeitig holt Sie der Aufzug ab und führt Sie nach oben zur Zieletage.

Das zweite Beispiel?

Der Klassiker heute im Zeitalter von Zalando oder Amazon ist, dass Sie ein Paket erwarten, und wenn der Bote kommt, sind sie nicht zu Hause. Mit dem Kone Acces System können sie den Zugang bis zur Wohnungstür gewährleisten. Über eine App öffnet der Nutzer automatisch die Haustür, der Bote gelangt berührungslos bis zur Wohnungstür. Sie können mit diesem System auch Zugangsrechte für Familie, Freunde, Bekannte vergeben. Permanent oder temporär.

Was heisst das für Sie als Unternehmen?

Wenn man im Boot sitzt, stellt man oft selbst nicht fest, wie schnell man wirklich mit diesem fährt. Die zentrale Frage für mich ist, wie man sich als Unternehmen einbringt. Wir wollen Treiber von Innovationen sein. Auch in Zukunft. Nicht umsonst ist der Konzern als einziges Aufzugsunternehmen seit Jahren in der Forbes-Liste der 100 innovativsten Unternehmen weltweit. 2018 übrigens auf Rang 59 weltweit.

Seit wann hat die digitale Entwicklung bei Ihnen im Unternehmen eine strategische Ausrichtung?

Der Zeitpunkt ist schwierig festzulegen. Auch rückblickend nicht, doch als Unternehmen arbeiten wir schon seit Jahrzehnten an der Digitalisierung. Ich denke da an die Einführung von Mikroprozessoren bei der Aufzugssteuerung, die vor über 20 Jahren eingeführt wurden. Ich denke da auch an die vor zehn Jahren eingebauten intelligenten Sensoren, die eine Vielzahl von Parametern wie Temperatur oder die genaue Positionierung einer Anlage erfassen und überwachen.

Und der grosse Sprung kam wann?

Der eigentliche Quantensprung in der digitalen Entwicklung findet momentan statt. Das wird durch die Clouds, das Internet of Things und die künstliche Intelligenz ermöglicht. Dabei geht es darum, alles zu vernetzen und die unvorstellbare Menge an Daten zu verarbeiten, um diese dann wiederum intelligent zu nutzen. Kone ist auch hier ein Vorreiter. Wir haben schon 2015 oder 2016 erkannt, dass wir nicht alleine innovativ sein können. Wir haben die digitale Innovation aktiv mit Partnern vorangetrieben, beispielsweise mit Branchengrössen wie IBM Watson oder Salesforce. Über diese Partner versuchen wir zum einen neue Kunden zu gewinnen, zum anderen wollen wir das führende Unternehmen in der Digitalisierung werden.

Um nur noch Personenaufzüge oder Zutrittssysteme in einem Smart Building zu bauen?

Smart Building ist für mich die Antwort der Baubranche zum Thema Digitalisierung oder Industrie 4.0. Das smarte Gebäude ist das Endprodukt. Intelligent vernetzte Systeme im Gebäude optimieren den Betrieb und ermöglichen einerseits eine einfache und vernetzte Nutzung für Bewohnerinnen und Bewohner. Andererseits gibt es auch für die Betreiber viele neue Möglichkeiten. Der Betreiber hat die volle Transparenz und das Wenige, was er noch machen muss, ist für ihn leicht erkennbar und umsetzbar. Für beide Anspruchsgruppen gibt es eine grosse Bandbreite von etablierten Technologien bis hin zu innovativen Einzellösungen. Die Herausforderungen sind, diese Ansätze zusammenzuführen, was wir aus dieser Masse von Daten machen und wie wir daraus den Mehrwert für unsere Kunden generieren. Dies wird uns auch noch eine Zeitlang beschäftigen.

Wer sind die Treiber hinter dieser digitalen oder smarten Entwicklung?

Kone hat schon immer daran gearbeitet, durch Innovation die Kundenbedürfnisse zu erfüllen. Ob mit der Erfindung des maschinenraumlosen Aufzugs, des UltraRope oder jetzt mit digitalen Lösungen in einem smarten Gebäude. Es ist unser Selbstverständnis nicht nur Aufzüge und Rolltreppen zu bauen, sondern den besten Personenfluss zu liefern. Unsere Mission ist es, Städte und Gebäude lebenswerter zu machen. Dazu gehört die Frage, was technisch passiert und was die gesellschaftlichen Entwicklungen sind. Wir arbeiten daran, das zu verstehen und investieren substanziell in diesem Bereich.

Will das der Nutzer auch?

Wir reden viel mit unseren Kunden, und zusätzlich zu externen Studien haben wir kürzlich zwei Umfragen durchgeführt. Die erste Befragung von über tausend Personen in der Schweiz hat unter anderem ergeben, dass verschiedene Altersklassen unterschiedliche Anforderungen an ihre Wohnstätten stellen. So zum Beispiel glaubt beinahe die Hälfte der jüngsten Erwachsenengruppe im Alter von 18 bis 22 Jahren, dass es für sie ein Vorteil wäre, wenn sie ihr Wohngebäude mithilfe ihres Smartphones statt eines Schlüssels betreten könnten. Die Ergebnisse zeigten auch, dass nahezu ein Drittel der Bewohner meinten, es könnte für sie von Vorteil sein, jemand anderem während der Abwesenheit Zutritt zu ihrem Wohngebäude zu gewähren. Eine zweite ähnliche europaweite Befragung bei 4000 Bewohnern hat ähnliche Ergebnisse geliefert.

Was waren die wesentlichsten Erkenntnisse?

Die Schweizer Bevölkerung hat ziemlich die gleichen Erwartungen wie unsere europäischen Nachbarn, wenn es um neue Technologien geht. Für mich interessant war auch, dass 64 Prozent der Befragten in der Schweiz bereit sind, mehr als 25 Franken pro Monat zu zahlen, um von Smart Building Features zu profitieren. Wenn es um den Aufzug geht, so stehen nach wie vor Sicherheit und Verfügbarkeit ganz oben. Die Nutzer erwarten ganz einfach weniger Ausfälle, gerade für ältere Menschen ist der Aufzug die Lebensader.

Ist der Servicetechniker heute nur noch mit dem Mobiltelefon anstelle des Werkzeugkoffers unterwegs?

Die Antwort ist relativ einfach: Hauptarbeit des Servicetechnikers ist mechanisch. Der Aufzug oder die Rolltreppe besteht aus mechanischen Komponenten, die sich bewegen und verschleissen. Türlaufrollen müssen ausgetauscht und das Türspiel nachgestellt werden. Der Werkzeugkoffer bleibt das Hauptwerkzeug. Daneben wartet der Servicetechniker aber auch die Sensortechnik, teilweise lernt er hier neue digitale Techniken. In Summe hilft aber die Digitalisierung, das Richtige direkt und effizient zu machen.  Unsere Mitarbeiter werden in ihrer Arbeit kompetenter und effektiver, alles im Sinne eines besseren Personenflusses.

Sie bieten Lösungen für verschiedene Gebäudetypen an – unter anderem auch für Spitalbauten. Inwiefern unterscheiden sich smarte Lösungen in Spitalbauten von einem Wohnungsgebäude?

Die Anforderungen und der Betrieb von Spitälern sind ungleich komplexer als die eines reinen Wohngebäudes. Hier fängt die richtige Lösung bei der Planung an, wenn Spitalbetreiber und der Klinikbetrieb ihren Bedarf detailliert einbringen und dies in technischen Lösungen umgesetzt werden kann. Welche Aufzüge dienen wofür, welche Steuerungsoptionen oder Vorrangschaltungen zum Beispiel für den OP-Betrieb müssen wie möglich sein, oder wie offen muss das System sein, wenn sich die Nutzung während des Betriebs ändert. Das sind zentrale Fragen, wenn wir über smarte Lösungen in Spitalbauten reden. In nicht allzu langer Zukunft werden auch Roboter beispielsweise Medikamente oder OP-Besteck selbstständig von einem Ort zum anderen bringen und dazu über Schnittstellen die Aufzüge ansteuern. Nicht zu vergessen, dass die Verfügbarkeit für einen Spitalbetrieb immens wichtig ist, unsere bisher wichtigsten grossen 24/7-Connect-Kunden sind Spitäler, die genau hiermit ihren Betrieb deutlich verbessern konnten.

Die Sicherheitsfrage geht ja mit dem Thema Digitalisierung einher. Bleiben wir bei Spitalbauten: In einem Spital kann sich der Unterbruch bei einem Hackerangriff fatal auswirken!

Mit Spezialisten wie IBM Watson zusammenzuarbeiten, zahlt sich aus. Uns ist bewusst, dass gerade im Bereich Cybersecurity ein grosses Augenmerk auf Sicherheit gelegt werden muss. Deshalb werden die Kommunikationsprotokolle mit dem höchsten Sicherheitsstandard verschlüsselt. Das fängt bei der Architektur der Aufzugssteuerung an und geht so weit, dass Alarmsystem, die Grundfunktionen der Anlage und die Sicherheitssysteme fern von der Cloud angelegt sind. Der Aufzug sendet nur technische Daten in die Cloud.

Noch eine Frage zum Schluss: Wie oft bleibt ein Kone Aufzug eigentlich stecken?

(lacht) Ich kann sie beruhigen. Nicht oft. Im Mittel deutlich unter einer Störung pro Jahr und Aufzug. Und eine Störung bedeutet bei Weitem nicht, dass Personen eingeschlossen sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sie oder mich trifft, ist statistisch sehr 
gering.