Haustech 5/2019

Die smarte Optimierung des Schlafs

Mit Druckmassagen und einem hohen Individualisierungsgrad soll jeder sein perfekt abgestimmtes Bett bekommen. (Foto: zVg)
Erik Brühlmann /

Entwicklungen im Smart-Home-Bereich machen auch vor dem Schlafzimmer nicht Halt. 
Doch braucht der Durchschnittsmensch wirklich technische Hilfsmittel, um gut schlafen zu können?

Eine Marktanalyse des US-amerikanischen Marktforschungsinstituts Orbis Research sagt voraus, dass der weltweite Markt für smarte Schlaflösungen in den nächsten Jahren um über 
elf Prozent wachsen wird. Schon jetzt gibt es eine Vielzahl von Gadgets, Apps und sogar ganzen Schlafsystemen, die genau das versprechen, was ein bekannter Schweizer Matratzenhersteller schon 
vor dreissig Jahren versprach: «en tüüfe gsunde Schlaf».

Mehr als nur ein Standby-Modus

Dass der Schlaf eines Menschen überhaupt aktiv beeinflusst werden kann, liegt an einer eigentlich recht einfachen Erkenntnis: Der Schlaf ist eben nicht der «kleine Tod», als den er in früheren Zeiten gern beschrieben wurde. Er ist weit mehr als nur der Standby-Modus des Körpers, bei dem nur noch die wichtigsten Systeme am Laufen gehalten werden. «Als man Mitte des 19. Jahrhunderts begann, Hirnströme zu messen und sichtbar zu machen, merkte man schnell, dass der Schlaf ein sehr aktiver Zustand ist», sagt Esther Werth. Sie ist Somnologin – also Schlafexpertin – und Leiterin Schlaflabor Neurologie am Universitätsspital Zürich. Man entdeckte damals den REM-Schlaf und den Non-REM-Schlaf, stellte fest, dass im Schlaf wichtige Informationen besser gespeichert und unwichtige Informationen ausgefiltert werden, dass schlafend das Immunsystem gestärkt wird und Abfallstoffe aus dem Gehirn geschwemmt werden. Vereinfacht gesagt ist Schlaf eine aktive Erholungsphase. «Nicht umsonst wird der Schlafentzug als äusserst wirksame  Foltermethode angewendet», sagt die Somnologin.

Technik im Schlafzimmer

Theoretisch gibt es also viele Möglichkeiten, seinen Schlaf zu optimieren, zumal Schlafexperten davon ausgehen, dass der Schlaf durchschnittlich in jeder dritten Nacht leicht gestört ist. Allerdings sind smarte Anwendungen per Definition technische Lösungen. Und Technik sollte man eigentlich so weit wie möglich aus dem Schlafzimmer verbannen. «Aber wer hält sich schon daran?», sagt Werth. «Normal ist heutzutage eher, dass man zumindest sein Handy auf dem Nachttisch liegen hat, damit man auch ja keine Nachricht verpasst.» Statt aber nur unbewusst auf das Surren zu warten, ob mitten in der Nacht eine Whatsapp-Nachricht des Onkels aus Australien eintrifft, könnte man das Smartphone auch dazu nutzen, seinen Schlaf zu überwachen. Schon seit einigen Jahren gibt es nämlich für alle Plattformen sogenannte Schlaf-Tracker. Das Prinzip ist einfach: Statt auf das Nachttischchen legt man das Smart Phone neben das Kopfkissen. Nun misst die App über Nacht je nach Ausführung Bewegungen und Geräusche, in Verbindung mit Wearables sogar Puls, Herzfrequenz und mehr. Am nächsten Morgen steht die Auswertung grafisch aufbereitet parat.

Brauchbare Anhaltspunkte

Alles nur Schnickschnack? Esther Werth verneint. «Die Sensoren und die hinter der Analyse stehenden Algorithmen werden natürlich immer besser. Anhaltspunkte für die Schlafqualität können solche Apps daher allemal bieten.» Allerdings dürfe man sich nicht auf die Auswertung versteifen, denn ein Telefon ist immer noch ein Telefon und kein medizinisches Gerät. Ungenauigkeiten seien deshalb eher die Regel als die Ausnahme. Interessant wird es, wenn die App sagt, dass man recht gut geschlafen habe, man selbst sich aber wie gerädert fühlt. Hier sei zwar der persönliche Eindruck prioritär. «Aber wir haben im Schlaflabor schon Fälle erlebt, bei denen die Messwerte ganz klar belegten, dass der Patient schlief», erzählt die Expertin. «Er selbst schwor aber Stein und Bein, kein Auge zugemacht zu haben.» Man spricht in solchen Fällen von einer Schlafmisperzeption. Jedoch sollte man sich von ein, zwei solchen Diskrepanzen von App und Eindruck nicht beunruhigen lassen. Beobachtet man sie allerdings über einen längeren Zeitpunkt, könnte eine professionelle Abklärung angebracht sein.

EEGs für den Privatgebrauch

Am Hightech-Ende der smarten Schlafoptimierungsanwendungen stehen seit kurzem Kopfbügel, die mittels Sensoren ein Elektroenzephalogramm (EEG) erstellen wollen. Diese Geräte messen die Aktivität des Gehirns und schicken sie an eine zugehörige App. Diese bildet die Gehirnwellen grafisch ab und schlägt aufgrund der Werte Übungen vor, die den Schlaf des Nutzers verbessern sollen: von einfachen Spaziergängen bis zu Atemübungen vor dem Einschlafen. «Die Idee dahinter ist durchaus wertvoll», sagt Esther Werth. Derzeit betreiben die Schlafforscher der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit der ETH ein Projekt namens Sleep Loop, bei dem einerseits versucht wird, mit einem Stirnband im Schlaf Hirnströme zu messen und zu interpretieren. Andererseits habe sich im Verlauf des Projekts gezeigt, dass sich Hirnwellen im Tiefschlaf tatsächlich manipulieren lassen. Werth: «Gibt man den Hirnwellen zu einem ganz speziellen Zeitpunkt einen akustischen Impuls, lassen sich die Tiefschlafwellen positiv beeinflussen. Dadurch, so die These, lässt sich der erholsame Schlaf intensivieren.»

Ob da ein Gerät aus dem Smart-Home-Umfeld mithalten kann? «Vermutlich nicht», sagt Werth, «denn den richtigen Zeitpunkt und die richtige Impulslautstärke zu treffen, ist heikel.» Aber im Smart-Home-Bereich gelte ja oft die Devise: Wer zuerst kommt, verdient 
zuerst – und das System im Lauf der Zeit über Updates zu verbessern, ist immer möglich.

Reizbar – auch im Schlaf

Interessant ist aber, dass das Gehirn auch im Schlaf für Sinnesreize durchaus empfänglich zu sein scheint. «Unsere Ohren können im Schlaf Reize wahrnehmen, was in frühen Entwicklungsstufen des Menschen durchaus überlebenswichtig war», erklärt Esther Werth. Allerdings gebe es je nach Art des Schlafs andere Empfänglichkeitsfilter, die aktiv sind. Ähnlich verhalte es sich mit Gerüchen: «Es gibt Untersuchungen, dass Lerneffekte verstärkt werden, wenn sie von Gerüchen unterlegt sind.» Riecht man beim Lernen zum Beispiel Rosengeruch, soll das Lernen wie bei einem Pawlowschen Hund quasi wiederholt und vertieft werden, wenn ein Rosengeruch im Schlaf wahrgenommen wird. Gerätschaften, die einen guten Schlaf versprechen, indem sie Lavendel- oder andere Gerüche dezent in der Nacht abgeben, könnten also durchaus auf dem richtigen Weg sein. «Ein gewisser Placebo-Effekt spielt dabei natürlich ebenfalls eine Rolle», sagt die Expertin. «Wer erwartet, bei Lavendelduft gut zu schlafen, tut dies oft auch.»

Es geht auch ohne Technik

Unter dem Strich lässt sich sagen, dass smarte Schlafanwendungen durchaus ihren Nutzen haben können – wenn man sie in dem Bewusstsein nutzt, dass der Genauigkeit Grenzen gesetzt sind und es für die Interpretation von Werten immer noch einen Profi braucht. Denn davon, dass man beim Arzt das Handy mit den App-Auswertungen vorlegt und dieser daraus die richtigen Schlüsse zieht, ist 
die Smart-Home-Technologie noch weit entfernt.

Smart Schlafen kann man jedoch auch ganz ohne technische Hilfsmittel. «Wir empfehlen stets, auf die sogenannte Schlafhygiene zu achten», sagt Esther Werth. Darunter fällt zum Beispiel, immer etwa zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen, sich einige Rituale anzueignen, die dem Körper signalisieren, dass Schlafenszeit ist, und auf Stimulanzien wie Alkohol, Koffein und Zigaretten vor dem Schlafen möglichst zu verzichten – «auch wenn man das Gefühl hat, man sei in dieser Hinsicht unempfindlich.»

Wer sich auch bei der Schlafhygiene partout technisch unter die Arme greifen lassen möchte, installiert in seinem Smart Home ein Beleuchtungssystem, das die Lichtfarbe verändern kann. «Tagsüber braucht man ein Lichtspektrum, das möglichst hell ist», erklärt die Somnologin. Der Blaulichtanteil ist in diesem Tagesspektrum hoch. «Am Abend ist es jedoch ratsam, ein wärmeres, subjektiv weniger helles Licht zu haben. So wird der Körper langsam auf den Schlaf vorbereitet.»

Smart vor der Auslieferung

Sensoren sind ein fester Bestandteil des Smart Homes und des smarten Schlafzimmers. Weshalb also sollte man diese Technologie nicht bei der Bettenherstellung einsetzen, um eine möglichst ideale Schlafunterlage herzustellen? «Die Herausforderung für jeden Bettenhersteller ist es ja, dass jeder Mensch anders ist und eigentlich ein individuell auf seinen Körper abgestimmtes Bett benötigt», sagt Patrik Ogris, Geschäftsführer des St. Galler Bettenherstellers DOC. Jedoch seien selbst die ausgeklügeltsten Bettsysteme nur das Resultat von Durchschnittswerten – und damit nur für den Durchschnittsmenschen wirklich ideal.

Vor zehn Jahren entwickelte das Unternehmen deshalb das System «Philrouge Stream», das jedem Schläfer das individuell optimale Bett garantiert. Dabei geht es jedoch nicht darum, dem User ein Bett zu geben, das er per App immer wieder so einstellen kann, wie er es will. Vielmehr wird das Bett so gebaut, dass ein ständig neues Einstellen gar nicht mehr nötig ist.

Per Druckmessung zur Perfektion

Dazu legt sich der Kunde beim Bettenfachhändler auf ein mit einem Sensorsystem ausgestattetes Messbett. Dort werden in der Rückenlage die Druckstellen gemessen, worauf sich der Lattenrost automatisch anpasst. Anschliessend erfolgt dieselbe Messung in der Seitenlage. Nun errechnet das System die ideale Einstellung und stellt sie ein. Danach sind bei jeder Latte individuelle Nachjustierungen möglich. Am Ende steht ein Auswertungsbogen, nach dem der Lattenrost in St. Gallen individuell gebaut und ausgeliefert wird.

Was einfach klingt, ist in der Praxis sehr anspruchsvoll. «Wir greifen hier einerseits auf unsere eigenen langjährigen Erfahrungen zurück als auch auf empirische Werte aus der Forschung, die in das System einfliessen», erklärt Ogris. So entsteht das vielleicht smarteste Schlafsystem von allen: eins, das schon so perfekt daherkommt, dass man sich jegliche technische Spielereien sparen kann.