Haustech 1/2019

Der Kluge spart 
im Zuge

(Foto: SBB)
Laura Scheiderer * /

Die SBB will im Rahmen ihrer Energiestrategie mithilfe von tieferen Temperaturen in ihren S-Bahnen und einem neuen Heizsystem 
künftig bedeutende Stromeinsparungen erzielen. Die Fahrgäste müssen trotzdem nicht frieren.

In den kalten Wintermonaten werden S-Bahnen in der Regel auf Raumtemperatur beheizt, also auf ungefähr 22 Grad Celsius. In Anbetracht der eher kurzen Aufenthaltszeit in den Nahverkehrszügen und der warmen Bekleidung, die oft aus Bequemlichkeit gar nicht abgelegt wird, stellt sich die Frage, ob es für die kurze Fahrt tatsächlich so warm sein muss. Diese Frage hat sich die SBB im Rahmen ihrer Energiesparmassnahmen gestellt. Sie sieht hier Potenzial, Heizkosten einzusparen und damit auch die Umwelt ein Stück weniger zu belasten.

Im Januar 2018 führte sie daher in Kooperation mit dem Institut für Gebäudetechnik und Energie der Hochschule Luzern einen Versuch durch, was Fahrgäste von tieferen Wagentemperaturen halten beziehungsweise wie und ob sie überhaupt einen Unterschied wahrnehmen. Dazu wurde die Temperatur in einigen Wagen von Fahrzeugen des Typs DPZ-Plus (erste Generation der Zürcher S-Bahnen) auf 20 Grad Celsius gesenkt, bei den anderen blieb die Temperatur unverändert auf 22 Grad Celsius. Anschliessend wurde eine Doppelblindbefragung durchgeführt, um die Wahrnehmung der veränderten Temperatur abzufragen. Gefragt wurde, ob man die Raumtemperatur als zu warm, angenehm oder zu kalt empfinde. Weder Befrager noch Befragte wussten, ob sie sich in einem Wagen mit niedrigerer Temperatur oder in einem Kontrollwagen befanden. Ein Grossteil der Fahrgäste war mit den Temperaturen zufrieden. Die Anzahl Personen, denen es zu warm war, nahm deutlich ab.

Die Ergebnisse der Befragung zeigten, dass das tatsächliche Temperaturempfinden der Fahrgäste nebst der Ist-Temperatur des Wagens durch viele andere Faktoren wie Regelgüte der Klimaanlage oder Aufheizvorgänge nach Inbetriebnahme der Fahrzeuge abhängt. Umstände wie Bekleidung, Tageszeit und das allgemeine Befinden des Fahrgasts sind dabei noch nicht berücksichtigt. Offenbar besteht demnach nur ein schwacher und indirekter Zusammenhang zwischen der eingestellten Soll-Temperatur und der wahrgenommenen Ist-Temperatur durch die Fahrgäste im Fahrgastraum.

Ganze Flotte modernisieren

Die Absenkung der Temperaturen in den S-Bahnen folgt auf eine umfassende Modernisierung der DPZ-plus-Flotte, die schon weit über 20 Jahre in Betrieb ist. Nebst der Sanierung der Wagenkästen und der Integration von Niederflurwagen für barrierefreien Einstieg in alle Züge wurde das bestehende Heizsystem durch eine hochmoderne Klimaanlage mit Doppelnutzen ersetzt: Während die sogenannte Nur-Luft-Anlage im Sommer die klassische Kühlfunktion erfüllt, arbeitet sie im Winter als Wärmepumpe und heizt die Fahrgasträume durch die herkömmlichen Luftverteilungskanäle im Decken- und Bodenbereich der Wagen. Die stufenlos regulierbare Wärme- oder Kältepumpe steigert die Energieeffizienz der Züge und sorgt gleichzeitig für mehr Fahrkomfort in den heissen Sommermonaten. Ausserdem sind die Aussenluftvolumenströme je nach Besetzung des Wagens dank CO-Sensoren im Inneren regulierbar.

Weil deutlich häufiger geheizt werden muss als gekühlt, sparen diese Massnahmen zusammen trotz des Mehrverbrauchs im Sommer im Jahresdurchschnitt insgesamt Energie ein. Der Mehrverbrauch aufgrund der Klimatisierung im Sommer wird durch den Minderverbrauch der Wärmepumpe überkompensiert. Durch die Modernisierung werden auf der DPZ-plus-Flotte Einsparungen von bis zu 13,3 Gigawattstunden pro Jahr erreicht, was dem Stromverbrauch von ungefähr 3300 durchschnittlichen Schweizer Haushalten entspricht.

Erhebliche Einsparungen

Die beinahe verschwindende Wahrnehmung der Temperaturabsenkung widerspiegelt in keiner Weise die Stromeinsparungen, die durch eine neue Software der Klimaanlage möglich werden. Alleine bei einer Temperaturabsenkung in den 113 Zügen des Typs DPZ-plus sind laut den Berechnungen der SBB zusätzliche Einsparungen von bis zu 1,6 Gigawattstunden pro Jahr möglich, was dem Stromverbrauch von zirka 400 Haushalten entspricht. Würden sämtliche Fahrzeuge der Zürcher S-Bahn umgerüstet, könnten gar 3,7 Gigawattstunden pro Jahr eingespart werden. Da der Testversuch und die Kundenbefragung so positiv ausgefallen sind, werden nun S-Bahnen der ersten Generation umgerüstet. Ziel ist es, im kommenden Winter alle Züge der Zürcher S-Bahn nur noch auf 20 Grad zu heizen und so bereits im nächsten Jahr grosse Stromeinsparungen zu erzielen. 

Ziel 100 Prozent erneuerbar

Die Temperaturabsenkung in der Zürcher S-Bahn ist nur eine von vielen Massnahmen, die im Rahmen der umfassenden Energiestrategie der SBB umgesetzt wird. Bis 2025 will die Betreiberin des meistbefahrenen Schienennetzes der Welt ihren gesamten Strombedarf aus 100 Prozent erneuerbaren Energiequellen decken. Der Weg dahin ist nicht mehr weit, denn die SBB ist heute bereits bei 90 Prozent angelangt, wobei sie einen Grossteil davon aus eigenen Wasserkraftwerken bezieht. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es unter anderem nötig, den prognostizierten Jahresenergieverbrauch im Jahr 2025 um 20 Prozent zu senken. Die Massnahmen in der Zürcher S-Bahn sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu diesen Zielen.

Bund als Energie-Vorbild

Von 2006 bis 2020 will der Bundesrat die Energieeffizienz innerhalb der Bundesverwaltung und in bundesnahen Unternehmen um 25 Prozent steigern. Die beteiligten Akteure (seit 2017 auch öffentliche Unternehmen von Kantonen) planen und koordinieren einen Teil ihrer Massnahmen im Rahmen von Energie-Vorbild, einer Initiative des Bundes. Ihr Aktionsplan umfasst 39 gemeinsame Massnahmen aus drei Aktionsbereichen (Gebäude und erneuerbare Energien, Mobilität sowie Rechenzentren und Green IT) plus eine Reihe spezifischer Massnahmen, die jeder Akteur individuell festlegt. Aktuell gehören folgende Akteure dazu: Die Schweizerische Post, der ETH-Bereich, Genève Aéroport, SBB, SIG, Skyguide, Suva, Swisscom, VBS und die zivile Bundesverwaltung.

* Laura Scheiderer, Projektmitarbeiterin Nachhaltigkeitskommunikation Polarstern, im Auftrag des Bundesamtes für Energie BFE